Mangelernährung bei älteren Menschen erkennen und behandeln
Mit zunehmendem Alter verändert sich der Stoffwechsel. Appetit, Geschmack und Essverhalten wandeln sich, chronische Erkrankungen kommen hinzu. Das Risiko für Mangelernährung steigt, bleibt aber oft unbemerkt.
Im Rahmen der ESPEN Malnutrition Awareness Week 2025 steht deshalb heute das Thema „Healthy Aging“ im Fokus. Wie lässt sich Mangelernährung im Alter früh erkennen, gezielt behandeln und präventiv vermeiden?
Warum ältere Menschen besonders gefährdet sind
Ab etwa dem 65. Lebensjahr sinkt der Energiebedarf leicht, der Bedarf an Eiweiß, Vitaminen und Mikronährstoffen bleibt jedoch gleich oder steigt sogar. Viele ältere Menschen essen daher zwar „ausreichend“, nehmen aber zu wenig Nährstoffe auf. Hinzu kommen Faktoren wie Appetitverlust, Kau- und Schluckbeschwerden, eingeschränkter Geruchs- und Geschmackssinn, Medikamenteneinnahmen oder soziale Isolation.
Daten der europäischen Fachgesellschaft ESPEN zeigen: Jede dritte Person über 70 ist von Mangelernährung oder einem erhöhten Risiko betroffen. Besonders gefährdet sind Menschen nach Krankenhausaufenthalten oder Operationen sowie Bewohner:innen von Pflegeeinrichtungen.
Früherkennung ist der Schlüssel
Mangelernährung beginnt oft schleichend. Ein regelmäßiges Screening auf Ernährungsrisiken gehört daher zu den wichtigsten Präventionsmaßnahmen.
Einfache Instrumente wie der Mini Nutritional Assessment (MNA) oder der Malnutrition Universal Screening Tool (MUST) helfen, gefährdete Personen schnell zu identifizieren.
Erkennungszeichen sind:
unbeabsichtigter Gewichtsverlust (mehr als fünf Prozent in drei Monaten oder zehn Prozent in sechs Monaten)
verringerte Nahrungsaufnahme über mehrere Tage
deutliche Schwäche, Muskelabbau oder Sturzneigung
reduzierte Alltagsaktivität
In der Hausarztpraxis oder Pflegeeinrichtung können Gewicht, BMI, Appetit und Essverhalten unkompliziert erfasst werden. Screening sollte kein Zusatz sein, sondern Bestandteil der Routineversorgung.
Ernährungstherapie: individuell, alltagstauglich und genussvoll
Wird ein Risiko erkannt, gilt es, die Ernährung gezielt anzupassen. Zentrale Bausteine:
Eiweißreiche Mahlzeiten: Zwei bis drei eiweißreiche Portionen täglich (z. B. Joghurt, Quark, Hülsenfrüchte, Eier, Fisch oder mageres Fleisch) unterstützen den Muskelerhalt.
Energiedichte Kost: Kleine, häufige Mahlzeiten mit pflanzlichen Ölen, Nüssen, Avocado oder Vollmilchprodukten erhöhen die Energiezufuhr.
Angereicherte Speisen: Mit Milchpulver, Haferflocken, Käse oder Nussmus lassen sich Gerichte einfach anreichern.
Trinken nicht vergessen: Flüssigkeitsmangel wird oft übersehen – mindestens 1,5 Liter täglich, je nach Gesundheitszustand.
Wenn die Nahrungsaufnahme nicht ausreicht, können orale bilanzierte Diäten (Trinknahrungen) oder enterale Ernährung sinnvoll sein. Entscheidend ist, die Betroffenen einzubeziehen, Geschmackspräferenzen zu berücksichtigen und den Genuss nicht aus den Augen zu verlieren.
Bewegung und soziale Teilhabe als Therapiepartner
Ernährungstherapie wirkt besonders effektiv, wenn sie mit Bewegungsförderung kombiniert wird. Leichte Kraftübungen, Spaziergänge oder Physiotherapie unterstützen den Muskelerhalt. Auch die soziale Dimension ist zentral: Gemeinsames Essen steigert Appetit, Motivation und Lebensqualität. Projekte wie Mittagstische, Nachbarschaftsessen oder Mahlzeitendienste sind nicht nur Versorgung, sondern Prävention durch Teilhabe.
Interprofessionelle Zusammenarbeit
Erfolgreiche Prävention und Therapie gelingen nur, wenn Hausärzt:innen, Pflegekräfte, Diätassistent:innen und Therapeut:innen eng kooperieren.
Regelmäßige Fallbesprechungen, klare Verantwortlichkeiten und gute Kommunikation zwischen Klinik, Reha und häuslicher Pflege sichern den Erfolg.
Die ESPEN-Empfehlungen betonen: Ernährungsversorgung im Alter ist keine Einzelaufgabe, sondern eine Teamleistung.