Bildnachweis: gematik/Jan Pauls
Fachthemen
TI 2.0, ePA und Plattform-ArchitekturIm Interview mit Dr. Florian Hartge (gematik)
Die Telematikinfrastruktur steht vor einer grundlegenden Weiterentwicklung. Mit der Modernisierung hin zur TI 2.0, dem Ausbau digitaler Identitäten, einer stärkeren softwarebasierten Architektur und der zunehmenden Nutzung zentraler Anwendungen wie der elektronischen Patientenakte verändern sich die technischen und organisatorischen Grundlagen der digitalen Gesundheitsversorgung in Deutschland.
Für Leistungserbringer, Organisationen, Softwareanbieter und weitere Akteure im Gesundheitswesen entsteht daraus ein hoher Bedarf an Orientierung: Welche Entwicklungen sind kurzfristig relevant? Wie verändert sich die technische Basis der TI? Und was bedeutet das konkret für den Versorgungsalltag?
Im Gespräch mit pwe ordnet Dr. Florian Hartge aus der Geschäftsleitung der gematik zentrale Entwicklungen der kommenden Monate ein.
Herr Dr. Hartge, welche TI-Themen werden aus Sicht der gematik in den nächsten Monaten besonders relevant?
Unsere Gesellschafter haben uns beauftragt, einen Fahrplan für die Modernisierung der Telematikinfrastruktur (TI) zu erstellen. Denn künftig sollen zentrale Bausteine der TI gebündelt und einheitlich bereitgestellt werden, anstatt sie wie momentan parallel zu entwickeln und zu betreiben. Das bedeutet eine grundsätzliche Veränderung: Für die TI soll eine souveräne Plattform-Architektur auf Open-Source-Basis aufgebaut werden. Geplant ist u. a., dass Fachdienste wie das E-Rezept auf eine gemeinsame, leistungsfähige Plattform zugreifen, statt auf jeweils vollständig eigene technische Infrastrukturen. Die Cloud dient dabei als flexible und sichere Betriebsumgebung. Für die Anwendungen mit direktem Kontakt in die Versorgung – etwa Softwaresysteme oder Kassen-Apps – entsteht so eine einheitliche Basis, die Wettbewerb und Innovation in Deutschland stärkt.
Wo sehen Sie aktuell den größten Informations- oder Orientierungsbedarf bei Leistungserbringern, Organisationen und weiteren Akteuren im Gesundheitswesen?
Ich will darauf am Beispiel der elektronischen Patientenakte eingehen. In vielen Gesundheitseinrichtungen ist die ePA mittlerweile Teil der Behandlung: Im Schnitt werden wöchentlich mehr als 22 Millionen Abrufe von Medikationslisten verzeichnet. Insgesamt haben Behandelnde mittlerweile mehr als 125 Millionen Dokumente eingestellt, also Befunde, Laborberichte oder auch Arztbriefe. Wir erleben den klaren Willen der Beteiligten, sie mit Leben zu füllen und weiter zum Laufen zu bringen. Nun ist ein so komplexes IT-Projekt wie die ePA nicht überall ein Selbstläufer. Und die ePA ist auch mehr als „nur“ ein IT-Projekt. Deshalb bieten wir für die verschiedenen Nutzenden – also beispielsweise Praxen, Zahnarztpraxen, Apotheken, Kliniken und Pflegeeinrichtungen – u. a. spezielle Infopakete und Themenseiten an und machen auch viele Veranstaltungen, wo gezeigt wird, wie die ePA in den alltäglichen Abläufen funktioniert. Das machen wir im Schulterschluss mit den Interessensverbänden, den Softwareanbietern und Expert:innen der jeweiligen Versorgungsbereiche. Auch Bürgerinnen und Bürger informieren wir regelmäßig auf ganz verschiedenen Kanälen und natürlich auch im Vis-a-Vis über die Mehrwerte. Uns ist der Grundgedanke, dass die Digitalisierung des Gesundheitswesens eine gemeinsame Aufgabe ist, die sich konsequent am Bedarf der Nutzenden orientiert, ganz wichtig. Denn TI-Anwendungen wie die ePA haben konkret mit der Gesundheitsversorgung jeder und jedes Einzelnen zu tun.
Welche Entwicklungen könnten dazu beitragen, dass die Telematikinfrastruktur im Versorgungsalltag stärker als konkrete Unterstützung wahrgenommen wird?
Voraussetzung für die beschriebene Plattform ist der beschleunigte Übergang zur TI 2.0, also der modernisierten Telematikinfrastruktur. Das bedeutet: weniger Spezialhardware, mehr mobile Nutzung, digitale Identitäten und moderne Sicherheitsstandards. Die TI 2.0 ist im Wesentlichen softwarebasiert und bietet flexiblere Zugänge. Das ist beispielsweise bei Hausbesuchen oder im Rahmen von Telemedizin eine wichtige Verbesserung. Die Umstellung zur TI 2.0 läuft bereits und erfolgt weiter schrittweise. Die Nutzenden profitieren dadurch von einer leistungsstärkeren TI, die den modernsten Sicherheitsanforderungen entspricht.
Über Dr. Florian Hartge
Florian Hartge ist seit dem 1.9.2024 Teil der Geschäftsführung der gematik und verantwortlich für die Bereiche Produktion, Sicherheit und Betrieb. Der promovierte Medizininformatiker ist seit 2020 im Unternehmen und verantwortete zuvor als Chief Produktion Officer die Produktentwicklung und Einführung der Produkte der gematik. Florian Hartge ist Experte in den Themen E-Health, Gesundheitsvernetzung, Softwareentwicklung und Projektmanagement. In vorherigen Positionen war er Geschäftsführer und Gründer einer Unternehmensberatung mit dem Schwerpunkt Gesundheitsdigitalisierung sowie Innovationsmanager und Interessenvertreter für die gesetzliche Krankenversicherung in den Bereichen E-Health, Telematik und Telemedizin. Außerdem war Herr Hartge verantwortlich für das Business Development einer Softwarefirma für E-Health-Lösungen.
Über die gematik
Die gematik entwickelt und betreibt die Telematikinfrastruktur für das deutsche Gesundheitswesen. Ihr Ziel ist es, sichere, vernetzte und nutzerorientierte digitale Anwendungen zu ermöglichen, die die medizinische Versorgung verbessern, den Alltag erleichtern und Ressourcen effizienter einsetzen. Dabei arbeitet die gematik mit Akteuren, Stakeholdern und Partnern des Gesundheitswesens zusammen und informiert regelmäßig über den Stand der Digitalisierung.
Weitere Informationen: gematik.de
Inhalt
Autorin
von Ernährungswandel
pwe Themenraum Telematikinfrastruktur
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